Vater gesucht - Ein bis heute andauerndes Tabu des Zweiten Weltkrieges

Wer bin ich? Von wem stamme ich ab? Bewegende Fragen zur eigenen Herkunft und Identität. Fragen, die sich die noch lebenden Kriegs-, Besatzungs- und Wehrmachtskinder nahezu tagtäglich stellen. Für die mittlerweile 65- bis 75jährigen muss es aber eine Chance geben, herauszufinden, wer ihr Vater ist. Nur so kann lebenslanges Leid doch noch bewältigt werden.

Für Mechthild Rawert, sozialdemokratische Bundestagspolitikerin aus Berlin Tempelhof-Schöneberg, gilt: Das Persönliche ist politisch. Kriegskinder - Besatzungskinder - Wehrmachtskinder sind bei der oftmals verzweifelten Suche nach der biologischen Abstammung und Identität durch die Politik aktiv zu unterstützen. Dazu gehört vor allem, dass ihnen problemlos der freie Zugang zu entsprechenden Archiven und der Einblick in bzw. der Erhalt ihrer Original-Geburtsurkunden ermöglicht wird.

Dazu gehört aber auch eine sensibilisierte Öffentlichkeit. Aus diesem Grunde hat Mechthild Rawert im Vorfeld des 15. HistorikerInnentreffens „Kriegskinder - Kriegsalltag - Kriegsverbrechen“, Berlin, am 22. Oktober 2010 zu einem Pressegespräch in die Presselobby der SPD-Bundestagsfraktion im Reichstagsgebäude eingeladen. Rede und Antwort standen auf dem Podium neben Mechthild Rawert auch Gerlinda Swillen, Sprecherin des Netzwerkes BOW i.n. (Born of War International Network), Brüssel, die als erstes belgisches Kriegskind erst am 29. Juni 2010 zusätzlich die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt. Ute Baur-Timmerbrink, Berlin, schilderte ihr Kindheit als Besatzungskind in Österreich und ihre Suche nach dem amerikanischen biologischen Vater. Sie ist heute ehrenamtlich für die britische Organisation Gitrace tätig, einer Selbsthilfegruppe mit dem Ziel, Menschen dabei zu unterstützen, ihre amerikanischen GI-Väter zu finden. Am Pressegespräch nahmen neben den JournalistInnen und dem japanischem Fernsehen auch zahlreiche Mitglieder verschiedener europäischer Kriegskinder-Vereine teil.

Wer bin ich? Wo komme ich her? Wer war mein Vater?

Menschen die ihre Väter gesucht haben, beginnen buchstäblich ein neues Leben wenn sie ihre biologischen Väter oder dessen (Herkunfts-) Familie gefunden haben. Ein Leben befreit von den quälenden Fragen: Wer bin ich? Woher komme ich? Wer war mein Vater?

Als Betroffene bekommen sie von offizieller Seite kaum Hilfen, da ihre Angaben zu den Vätern in der Regel dürftig sind. Manchmal wurde ihre Geburt nicht einmal in den Registern erfasst. In mehreren Ländern mussten sie entdecken, dass sie staatenlos waren. Es wurde ihnen nicht immer erlaubt, den Namen ihrer Eltern, besonders den ihres Vaters zu tragen. Das Erkunden ihrer biologischen Identität und die Vater-, beziehungsweise Elternsuche wurde ihnen oft auch von der Familie erschwert. Viele litten schon als Kind unter dem Gefühl, mit ihnen selbst sei etwas falsch.

Überall, wo deutsche Wehrmachtssoldaten stationiert waren, wurden Beziehungen eingegangen und Kinder gezeugt. Als Kriegs- und Besatzungskinder bezeichnet man Kinder, die der Verbindung einer einheimischen Frau mit einem (Besatzungs-)Soldaten entstammen.

Viele heute lebende Besatzungskinder sind sogenannte Wehrmachtskinder. Sie wurden in den Ländern gezeugt, die das Deutsche Reich während des Zweiten Weltkrieges besetzt hielt. Wie viele? Geschätzt wird, dass bis zu 200.000 Kinder deutscher Soldaten in Frankreich und mindestens zwischen 10.000 und 12.000 in Norwegen, 6.000 in Dänemark, 40.000 in Belgien, 50.000 in den Niederlanden, 800 auf Jersey geboren wurden. Unbekannt ist die Zahl der Kinder in Italien, in der ehemaligen Sowjetunion, in osteuropäischen Ländern und anderen Kriegsgebieten des Dritten Reiches.

In den Jahren nach 1945 wurden in Deutschland viele Kinder von den Soldaten gezeugt, die in Deutschland stationiert waren, vor allem von Amerikanern, Franzosen, Russen und Engländern.

Das öffentliche Schweigen und die Abwehr der Institutionen durchbrechen

65 Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges  gilt es, die europäische und deutsche Öffentlichkeit für das Thema „Kriegskinder - Besatzungskinder“ zu sensibilisieren.

Über die Schicksale der Mütter und ihrer Kinder ist öffentlich aber auch in der wissenschaftlichen Forschung zu wenig bekannt. Das Schicksal von Kriegs- und Besatzungskindern war häufig mit gravierenden Tabuisierungen in ihrem familiären und sozialen Umfeld verbunden. Viele Frauen haben ihre Schwangerschaft verschwiegen oder die Identität des Vaters aus Angst vor Rache, Stigmatisierung und Repressalien verheimlicht - häufig bis in den Tod. Vor allem in den ersten Nachkriegsjahren wurde das Thema in den Hintergrund gerückt - und blieb häufig bis heute ein Familiengeheimnis. Vielen Müttern gelang es durch eine Heirat mit einem anderen Mann die vermeintliche Schande zu verstecken, auch viele Familienangehörige schwiegen bis in den Tod.

Noch heute gestaltet sich der Zugang zu Archiven und Unterlagen als schwierig, wenn sie ihre biologische Herkunft erforschen oder bestätigen wollen. Ein Recht auf umfassende Akteneinsicht wird bestritten oder mit dem Hinweis auf Datenschutz abgelehnt. Dieser Zustand muss nach Ansicht von Mechthild Rawert unbedingt geändert werden. Hilfreich können die Ergebnisse des „Runden Tisch Heimerziehung“ sein, dessen Abschlussbericht im Dezember 2010 vorgelegt werden wird.

Die Forderungen des internationalen Kriegskinder-Netzwerks BOW i.n.

Das am 30 Oktober 2009 gegründete Netzwerk BOW i.n. = Born Of War international network fordert eine Erweiterung des „Übereinkommen für die Rechte des Kindes“ (UN-Kinderrechtskonvention). Mehr Informationen zu den Ausführungen von Gerlinda Swillen finden sie im Anhang.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

v.l.n.r.: Ute Baur-Timmerbrink, Mechthild Rawert, MdB und Gerlinda Swillen

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